Tranquillo Barnetta: Ein Kreis schließt sich (Coming Full Circle)

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„Wir haben nur zweimal die Woche Training. Das ist mir definitiv zu wenig! Ich will so oft Fußball spielen wie nur möglich!“ Genau das war der Grund warum der damals elfjährige Tranquillo von seinem Dorfverein zum FC Sankt Gallen wechselte. Gleichzeitig war es der Beginn einer großartigen Fußballkarriere, die jetzt mit seinem Wechsel von der Philadelphia Union zurück zum FC Sankt Gallen die letzte Station einläutet. Diesen Schritt von Tranquillo nahmen wir zum Anlass ein Interview mit ihm zu führen, um die Höhepunkte seiner Karriere Revue passieren zu lassen.

Nachdem Barnetta sämtliche Jugendabteilungen des Vereins durchlaufen hatte, wechselte er 2004 in die deutsche Bundesliga zu Bayer Leverkusen. Von dort wurde er direkt für ein Jahr an Hannover 96 ausgeliehen. Für Barnetta war es ein Traum, der in Erfüllung ging, da die Bundesliga in der Schweiz sehr populär ist. Doch auf der anderen Seite war er somit auch das erste Mal auf sich alleine gestellt, fernab von Heimat und Familie. Auch ein angehender Fußballprofi fühlt sich in den ersten Tagen in einer fremden Umgebung einsam, wenn man normalerweise gerne Leute um sich hat.

Schnell kam dann auch bei ihm die Frage auf wie die Mutter das zu Hause eigentlich alles auf die Reihe bekommt. Kochen, putzen und waschen wurden plötzlich zu einer größeren Herausforderung als den entscheidenden Elfmeter in der 90. Minute zu schießen. Wie gut, wenn man sich in solchen Situationen auf seine Mannschaftskollegen verlassen kann. Clint Mathis, seinerseits mehrfacher amerikanischer Nationalspieler kam auf den Schweizer zu und sagte: “Hey Tranquillo, bevor du alleine im Hotel wohnen musst kannst du gerne bei mir wohnen!“ Dieses Angebot nahm Barnetta natürlich dankend an und er verbrachte die ersten Wochen sozusagen in einer Fußballprofi-WG.

Basierend auf den Erfahrungen aus dieser Zeit hat Barnetta sich als persönliches Ziel vorgegeben, junge Spieler zu unterstützen. So bietet er neuen Mannschaftskollegen stets an, dass sie jederzeit zu ihm kommen können, was seinen außerordentlich positiven Charakter zeigt. Außerdem nimmt er Neulinge oft mit, wenn er mit älteren Spielern etwas unternimmt. Für den Eidgenossen galt in dieser Hinsicht immer, dass „ein gutes wieder ein gutes gibt.“

Ein schönes Beispiel hierfür ist die Geschichte, die Barnetta und Pirmin Schwegler verbindet. Als Schwegler, der ebenfalls gebürtiger Schweizer ist, zu Bayer Leverkusen wechselte war Barnetta die erste Anlaufstelle für ihn. Als Tranquillo dann einige Jahre später zu Eintracht Frankfurt wechselte, konnte Pirmin, der damals schon 4 Jahre für die Adler auflief, ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Nach einer Saison bei Hannover kehrte Tranquillo zu Bayer Leverkusen zurück. Der Verein aus Nordrhein-Westfalen sollte die längste Station in seiner Laufbahn als Profi werden. Der Zusammenhalt seiner damaligen Mannschaft bleibt ihm bis heute als einzigartig in Erinnerung. Die Werkself blieb zu dieser Zeit in ihrem Kern weitgehend bestehen. Mitspieler aus dieser Zeit wie Stefan Kießling und Simon Rolfes sind noch heute seine Freunde. Mannschaftsabende waren legendär und die Truppe war Feuer und Flamme. Tranquillo berichtete, dass er auch schon erlebt hatte, dass Spieler nach 30 Minuten fragten, ob sie denn nun wieder gehen könnten. Nicht so bei Bayer 04. Jeder freute sich darauf, hatte Spaß und so entstand ein ganz besonderes Mannschaftsgefühl, auch abseits des Platzes.

Nach 7 Jahren in Leverkusen wechselte der Schweizer 2012 zu Schalke 04. Von dieser Zeit blieb ihm besonders sein Startelf-Debüt in der Champions League in Erinnerung. Man merkte wie bodenständig und menschlich Barnetta ist, als er uns von seinen Emotionen kurz vor dem Anpfiff erzählte: „Das war natürlich ein äußerst emotionaler Moment, wenn man dann da auf dem Rasen steht und die Champions League Hymne hört, die man sonst nur aus dem Fernsehen kennt.“

Danke Schalke🔵⚪️

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Während seiner Zeit bei den Knappen wurde er noch 1 Jahr zu Eintracht Frankfurt ausgeliehen. Auch mit den Adlern verbindet er ein besonderes Erlebnis auf europäischer Bühne. Das entscheidende Spiel um den Einzug in die K.O.-Runde der Europa League fand gegen Girondins Bordeaux statt. Es war klar, dass die Teilnahme an der Runde der letzten 32 der größte Erfolg seit einigen Jahren sein würde. Sage und schreibe 12.000 Fans reisten deshalb mit nach Frankreich und machten die Partie in der Metropole Aquitaniens zu einem Heimspiel. Vor so vielen Fans auswärts aufzulaufen war für Barnetta „ein gigantisches Gefühl.“ Das Spiel endete 1:0 zu Gunsten der Eintracht und sie standen damit als Gruppensieger fest.

2015 kam dann die wohl größte Umstellung für den Eidgenossen: Der Wechsel zu Philadelphia Union. Das Team aus der „Stadt der brüderlichen Liebe“ spielt in der Major League Soccer (MLS), der höchsten Spielklasse Nordamerikas. Für Tranquillo war nach elf Jahren Bundesliga die Zeit gekommen etwas Neues zu sehen und zu erleben. Bereits damals spielte Barnetta mit dem Gedanken zurück zu seinem Jugendklub Sankt Gallen zu wechseln. Doch es war für ihn noch nicht der richtige Zeitpunkt. Bereits die anfänglichen Gespräche mit Philadelphia beeindruckten den heute 31-jährigen sehr. Das Team von der Ostküste der USA gab ihm die Möglichkeit Teil von etwas zu sein, das gerade am Wachsen ist. Der Fußball in Nordamerika entwickelt sich nämlich immer mehr zu einem festen Bestandteil der dortigen Sportlandschaft.

💙⚽️🇨🇭

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Heute, kurz nach seiner letzten Partie für Philadelphia Union ist sich Tranquillo sicher: „Das Experiment, nochmal eine neue Kultur und vor allem eine neue Spielweise kennen zu lernen, bereue ich keine Sekunde.“ Auch würde der Schweizer es jedem anderen Spieler empfehlen, den Schritt zu wagen. Seine Erwartungen wurden mehr als erfüllt und besonders den geringeren Druck von außen und die immerzu optimistische Art der Fans empfand er als äußerst positiv. „Selbst nach mehreren Spielen ohne Sieg wurde die Mannschaft nie von den Anhängern ausgepfiffen.“

Auch von der Qualität der Liga war Barnetta positiv überrascht. Das dortige Niveau wird in Europa oft als amateurhaft angesehen, dem ist aber definitiv nicht so. Tranquillo betont zwar, dass gerade im taktischen Bereich noch Luft nach oben ist, die Fitness der Spieler aber umso beeindruckender ist. Dadurch sind die Partien dort sehr schnell und intensiv, was die Attraktivität für die Zuschauer erhöht. Außerdem konnte der mehrfache Nationalspieler bereits nach einem Jahr feststellen, dass die Teams im taktischen Bereich immer besser werden.

Besonders vermissen wird Tranquillo natürlich seine Mitspieler, aber auch das nordamerikanische Ligasystem. Nach der regulären Saison spielen die 12 besten Teams im K.O.-Modus um die Meisterschaft. Auch wenn Philadelphia in der ersten Runde ausgeschieden ist, war dieses neue Ligasystem „eine sehr emotionale Erfahrung“ für Barnetta. Des Weiteren erklärte uns der 31-jährige, dass er den entspannteren Lebensstil der Amerikaner vermissen wird. Sie leben mehr nach dem Motto „wenn etwas heute nicht gemacht wird, dann geht die Welt auch nicht unter.“ Tranquillo will diese Lebenseinstellung auch mit nach Europa nehmen.

Amazing moment! 🙏❤️⚽️

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Wie wichtig Barnetta für den Erfolg der Union war, durften wir in einem Interview mit Jeffrey Mitchell, seinerseits Mitglied des Fanklubs „Sons of Ben,“ erfahren: „Tranquillo Barnetta is another member of the family. My son and I actually went to training about a month ago and we were joking about that he cannot leave because my son will definitely cry.“ [„Tranquillo Barnetta ist ein Mitglied der Familie. Mein Sohn und ich besuchten vor etwa einem Monat ein Training und wir machten Witze darüber, dass er nicht gehen kann, weil mein Sohn sonst definitiv weinen wird.“] Diese Aussage zeigt, was für ein wichtiger Bestandteil des Teams Tranquillo war und wie groß sein fußballerisches Können ist. Auf der anderen Seite betonte Mitchell aber auch, dass sie seine Entscheidung vollkommen nachvollziehen können und ihm nur das Beste für seine Zukunft wünschen.

In diesem Monat schließt sich nun der Kreis für einen der erfolgreichsten Schweizer Fußballer. Noch am Tag unseres Interviews bringt ein Flieger den Fußballprofi zurück in seine Heimat: Sankt Gallen. Mit dem Beginn der Rückrunde in der „Raiffeisen Super League“ wird er wieder für seinen früheren Klub FC Sankt Gallen auf dem Platz stehen. Barnetta bedeutet der Wechsel persönlich eine Menge: „Ich war lange unterwegs, hatte viele schöne Erlebnisse, jedoch stets fernab der Heimat.“

Umso mehr freut er sich nun wieder mit Freunden zusammenzuspielen und vor den Eltern im Kybunpark, dem Stadion des FC Sankt Gallen, aufzulaufen. Die Mannschaft hatte einen schweren Start in die Saison und befindet sich momentan in der unteren Tabellenhälfte. Doch Tranquillo ist sich sicher, dass sie mit dem Abstieg nichts zu tun haben werden. Für die darauffolgende Spielzeit erwartet er, dass das Team sich im Mittelfeld aufhalten wird und man mit etwas Glück sogar Richtung Europa League schauen kann.

Home, sweet home 🏡. #Welcomeback #Barnetta 📷: @fc_st.gallen1879

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Tranquillo war wichtig, dass er zu einem Zeitpunkt zurückkehrt zu dem er seiner Mannschaft noch helfen kann, da er dem FC Sankt Gallen sehr viel zu verdanken hat. Er wurde dort zum Profi gemacht und will dem Klub nun in gewissem Maße etwas davon zurückzugeben. Tranquillo hat trotz seiner äußerst erfolgreichen Karriere nie vergessen, wem er dies alles zu verdanken hat: seiner Familie, seinen Freunden und dem FC Sankt Gallen. Diese Einstellung sollte als Vorbild für viele dienen. Sein Tipp an junge Spieler ist: „Genießt es und habt Spaß am Fußball! Alles andere kommt von alleine, wenn man hart genug dafür arbeitet.“

Und das wichtigste zum Schluss: Über zu wenige Trainingseinheiten wird sich unser CRUSH wohl auch nicht beschweren müssen.

 

Geschrieben von Athlete CRUSH Journalisten

Gepostet am 9. Januar 2017

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Tranquillo Barnetta: Coming Full Circle

“We only have training twice a week. That is definitely not enough for me! I want to play soccer as often as possible!” That was the reason why eleven-year-old Tranquillo Barnetta transferred from his local club to FC Sankt Gallen, a first-division club in Switzerland. This was the beginning of an outstanding career, which is now coming to its last stop following Barnetta’s transfer from the Philadelphia Union back to FC Sankt Gallen. Having returned to where it all started, Tranquillo sat down with us to review the highlights of his career.

After Barnetta moved through all youth divisions of FC Sankt Gallen, he transferred to Bayer Leverkusen in 2004. This time, he found himself in Germany’s highest division, the Bundesliga. From Leverkusen, he was directly loaned to Hannover 96 for a year. For Barnetta, it was a dream come true since the Bundesliga is very popular in Switzerland. But on the other hand, he was on his own for the first time, far away from his home and family. Even an aspiring soccer professional feels lonely in the first days in an unfamiliar environment.

Additionally, the question came up how his mother ever managed to handle everything at home. Cooking, cleaning, and washing suddenly became a greater challenge than shooting the decisive penalty in the 90th minute. Thank god if you can rely on your teammates in such situations. Clint Mathis, an American national team player at the time, came to the Swiss and said: “Hey Tranquillo, before you have to live alone you can live with me!” Barnetta accepted this offer gratefully.

Based on his early experiences, Barnetta now sets himself the personal goal of supporting young players as much as he can. He always makes himself available to new teammates, which shows his outstanding Character. Moreover, he often takes new players with him when he is hanging out with other players. The Swiss’ attitude is that “giving something good comes back to you in the form of something good.”

A good example of this is the story which connects Barnetta and Pirmin Schwegler. When Schwegler, who is also Swiss, transferred to Bayer Leverkusen, Barnetta served as an adviser for him. When Tranquillo then transferred to Eintracht Frankfurt a few years later, Pirmin, who had already spent four years playing for ‘The Eagles,’ was able to help him with words and deeds.

After one season with Hannover, Tranquillo returned to Bayer Leverkusen. Leverkusen was the longest stop in his professional career. The spirit of the team at this time was unique. Bayer 04 remained essentially at its core, meaning Barnetta still had his close friends on the team, such as Stefan Kießling and Simon Rolfes. Team parties were legendary and the squad was red-hot. Everyone was looking forward to the season and having fun. Therefore, they had a very special team spirit, also off the field.

After seven years in Leverkusen, the Swiss transferred to Schalke 04. There, his starting 11 debut in the Champions League was particularly memorable for him. You could see how grounded and humble Barnetta is when he told us about his emotions right before kickoff: “This was, of course, an extremely emotional moment when you are standing there on the field listening to the Champions League anthem, which you only know from TV.”

Danke Schalke🔵⚪️

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During his time with ‘The Squires,’ he was loaned to Eintracht Frankfurt for one year. He also had a special experience on the European stage with ‘The Eagles’ which included a decisive game to move into the knockout round of the Europa League against Girondins Bordeaux. It was clear that the qualification for the round of the last 32 would be the biggest success in several years. As many as 12,000 fans traveled to France and essentially made it a home game in the French metropolis. To play in front of so many fans on the road was an amazing feeling for Barnetta. The game ended 1:0 in favor of Frankfurt. Thereby they finished the group-stage ranked first.

In 2015, the Swiss was faced with his biggest change yet. He was transferred to the Philadelphia Union, who play in Major League Soccer. After eleven years in the Bundesliga the time had come for Tranquillo to see and experience something new. Back then, he already considered going back to his youth club, Sankt Gallen. But it was not the right time for him. The initial talks with Philadelphia impressed the now 31-year-old. The team from Pennsylvania gave him the opportunity to be part of something that was growing.

💙⚽️🇨🇭

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Come 2016, shortly after his last game for the Philadelphia Union, Tranquillo is sure: “I do not regret the experiment of getting to know a new culture and a new style of playing.” Moreover, the Swiss would recommend any other player to take this step. His expectations were more than met, while the lesser pressure from the outside and the constantly optimistic nature of the fans was very positive. “Even after several games without a victory the team was never booed by the supporters.”

Barnetta was also positively surprised by the quality of the league. The level in the United States is often regarded as amateur in Europe but this is definitely not the case. Tranquillo emphasized that the tactical area is still improvable but the fitness of the players is even more impressive. This makes the games very fast and intense, which increases the attractiveness for the spectators. In addition, after one year, the Swiss international has already observed that the teams are getting better and better in the tactical area.

Of course, Tranquillo will miss his teammates, but also the North American league system. After the regular season, the 12 best teams compete in a knockout format for the championship. Even though Philadelphia was eliminated in the first round, this new system was “a very emotional experience” for Barnetta. Furthermore, the 31-year-old told us that he will miss the more relaxed lifestyle of the Americans. They live more according to the motto “if something is not done today, it won’t be the end of the world.” Tranquillo wants to take this mentality with him back to Europe.

Amazing moment! 🙏❤️⚽️

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We further understood how important Barnetta was for the success of the Union during an interview with Jeffrey Mitchell, a member of the fan club, ‘Sons of Ben’: “Tranquillo Barnetta is a member of the family. My son and I went to a training session about a month ago and we joked about the fact that he cannot leave because my son will definitely cry.” This statement shows what an important part of the team Tranquillo was and how much Skill he has. On the other hand, Mitchell also emphasized that they can fully understand his decision and wish him nothing but the best for his future.

Back in November, one of the most successful Swiss soccer players came full circle. On the day of our interview, a plane was bringing him back to his hometown: Sankt Gallen. With the start of the second half of the “Raiffeisen Super League” in February, he will be back on the field for his former club FC Sankt Gallen. The transfer means a lot to Barnetta: “It was a long journey, I had many beautiful experiences but always away from home.”

Therefore, he is really looking forward to playing with his friends again and in front of his parents in the ‘Kybunpark,’ the stadium of FC Sankt Gallen. The team had a tough start this season and is currently ranked in the lower half of the league. But Tranquillo is sure that they will not be concerned about being relegated. For next season, he expects that the team can establish itself in the middle of the table and, with some luck, they may look to the Europa League.

Home, sweet home 🏡. #Welcomeback #Barnetta 📷: @fc_st.gallen1879

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For Tranquillo it was essential that he returned at a time when he is still able to help his team since he has a lot for which to thank FC St. Gallen. He became a professional there and now he wants to give something back to the club. Despite his extremely successful career, Tranquillo has never forgotten to whom he owes all this: his family, his friends, and FC Sankt Gallen. This attitude should serve as a Role Model for many. His advice for young players is: “Just have fun playing soccer! Everything else comes by itself if you work hard enough for it.”

And the most important thing to conclude: our CRUSH will probably not have to complain about too few training sessions.

 

Written by Athlete CRUSH Staff

Posted 9 January 2017